Zusammenfassung: | Zusammenfassung Die lateineuropäische Haussklaverei des Spätmittelalters gilt in der Forschung gemeinhin als ein Nebenprodukt konvergierender wirtschaftlicher, diplomatischer und militärstrategischer Interessen zwischen Ägypten, Genua und der Goldenen Horde in Zentralasien und Nahost. Als die italienischen Seehandelsschiffe die Knaben und Männer der Sklavenmärkte von Tana und Kaffa für die mamlukische Armee über das Mittelmeer verschifften, gelangten deren Mütter und Schwestern zunehmend auf demselben Wege als Haussklavinnen nach Südeuropa. Während man die Lebenssituation dieser jungen Frauen ab dem Moment, in dem sie in einem lateinischen Handels- oder Notariatsregister als „schiava“ geführt werden, relativ gut erschließen kann, lässt die Überlieferung für die Zeit davor – den Moment des Sklavewerdens – kaum Verlässliches zu. Der vorliegende Aufsatz widmet sich dieser Leerstelle. Durch die Identifizierung und mikrohistorische Auswertung fragmentarischer Überlieferung wird ein Möglichkeitsraum entworfen, innerhalb dessen Menschen zu Sklaven/-innen der Lateiner werden konnten. Dabei wird gezeigt, dass die Lateiner nicht nur Lieferanten und sekundäre Abnehmer einer bestehenden Sklavenökonomie waren, sondern auch selbst als Versklavende auftraten. Die Logiken der Gewalt ebenso wie die Tausch- und Geschenkkultur der Frontiergesellschaft des Schwarzmeerraums existierten nicht losgelöst vom Machtapparat der expandierenden Seehandelsimperien Lateineuropas; sie waren eine wichtige Voraussetzung ihres Erfolgs.
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